"Eine neue
Inquisition"
Von: Moritz Schwarz
F: Herr
Romano, was bedeutet der Holocaust für Europa und unsere Kultur?
Romano: Sie meinen, seine historische Bedeutung oder seine
metaphorische?
F: Diese stimmen nicht
überein?
Romano: Nein, denn an sich ist der Holocaust ein "normales"
geschichtliches Ereignis. Nun gibt es aber die Tendenz, ihn metahistorisch zu
interpretieren, zu kanonisieren. Denn für manche manifestiert sich im Holocaust
das Böse schlechthin: Er stellt eine Art Gegengott dar, den es mittels eines
Kultes - Gedenkveranstaltungen, Mahnmalen, Bitten um Vergebung zu bannen
gilt.
F: In Ihrem jetzt auch auf deutsch erschienenen, in Italien
zunächst heftig umstrittenen Buch "Brief an einen jüdischen Freund" sprechen Sie
offen von einer "Holocaust-Religion".
Romano: Ich glaube, ich verwende
dieses Wort nur ein- oder zweimal im Buch. Den Begriff "Holocaust-Kult" ziehe
ich vor.
F: Die europäischen Gesellschaften verstehen sich als
aufgeklärt und säkular. Sie behaupten nun, tatsächlich frönten sie einem
Kultus?
Romano: Gedenken wird immer irgendwann zu "Religion". Jede
Gesellschaft neigt dazu, Momente der Geschichte mythisch zu
institutionalisieren. Dennoch ist die Entstehung des Holocaust-Kultes aber
bemerkenswert. Denn unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges war dieses
schreckliche Massenverbrechen den Zeitgenossen zunächst nur ein tragischer
Bildausschnitt eines weit
größeren apokalyptischen Gemäldes von einem völlig
zerstörten Europa. Zu dieser Zeit waren nicht einmal die überlebenden Juden
darauf erpicht, über das Thema weiter zu sprechen. Und die Juden in den USA oder
der UdSSR scheuten es erst recht, denn sie wollten Amerikaner bzw. Sowjetbürger
sein und sich nicht durch Identifizierung mit dieser speziellen Geschichte von
ihren Mitbürgern separieren.
F: Was mich nun
interessierte war: Wann und warum hat sich dies geändert? In Ihrem Buch machen
Sie drei Ereignisse dafür verantwortlich.
Romano: Erstens den
Eichmann-Prozeß 1961, der das Thema plötzlich nicht nur ungeheuer populär
machte, sondern in der israelischen Gesellschaft ein Bedürfnis nach
ausgleichender Gerechtigkeit und Strafe wachrief, das zuvor offen so nicht
vorhanden war. Zweitens den Sechs-Tage-Krieg von 1967, denn dieser führte der
ganzen Welt, aber vor allem den Israelis selbst, ihr kleines Land als
militärisch so weit überlegen vor, daß eine bis dahin nur verdeckt vorhandene
Strömung Auftrieb bekam: Israel sah sich plötzlich in der Lage desjenigen, der
sich einfach nehmen kann, was ihm seiner Auffassung nach zusteht. Die Vision von
einem Großisrael, die bis dahin nur ein Traum war, schien auf einmal
Wirklichkeit werden zu können. Und während die ersten Einwanderer säkulare
Zionisten waren, kamen nun religiös geprägte Juden ins Land, die von einem
biblischen Israel träumten.
F: "Ein ständiges, weltweites
Antisemitismustribunal". Gegenthese: Wenn es Hitler vor dem eigenen Tod
gelungen wäre, die letzten Juden zu ermorden und es also nie einen Staat Israel
gegeben hätte, wäre der Holocaust-Kult dennoch entstanden - weil er nichts mit
Israel zu tun hat!
Romano: Sie haben mich noch nicht aussprechen lassen:
Das dritte entscheidende Ereignis hat in der Tat nichts mit Israel zu tun: Es
handelt sich um die Studentenrevolte von 1967/68. Und die nahm ihren Anfang
sogar bei Ihnen, in Deutschland. Sie war bekanntlich ein Aufstand gegen die
Autoritäten, gegen die Eltern, gegen die Väter. Und welches Mittel war zu dieser
Zeit das Geeignetste, um die moralische Stellung der Väter zu unterminieren? Das
war, ihnen ihr moralisches Versagen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges
vorzuwerfen. Und so entdeckte eine junge Generation von Europäern den Holocaust
und sein Potential neu. Alle drei Ereignisse liefen
zusammen und bewirkten
eine "Rückkehr des Erinnerns", die den historischen Holocaust in eine
Holocaust-Religion transformierte. Und Sie können die Rolle Israels dabei nicht
ausnehmen, wie Ihr Einwurf intendiert. Zumal israelische Regierungen den
Holocaust sowohl als Mittel zur Legitimierung, als auch zur Durchsetzung ihrer
Politik nutzten.
F: Zum Beispiel?
Romano: Zum Beispiel zur
Rechtfertigung der Politik in den besetzten Gebieten. Die Palästinenser
reagieren darauf natürlich nationalistisch und übernehmen in ihrer Ohnmacht
Elemente aus dem Reservoir des europäischen Antisemitismus, in der irrigen
Annahme, sie könnten diese effektiv gegen ihren jüdischen Gegner nutzen. Dabei
sind die meisten Araber an sich keine Antisemiten, sie flüchten sich nur aus
Hilflosigkeit zu diesem Mittel. Bei den Israelis wiederum bestärkt dies die
Überzeugung, daß der Holocaust kein historisches Ereignis, sondern eine ständige
Möglichkeit, eine dunkle Gegenmacht ist, die immer, überall und auf allen Ebenen
bekämpft werden muß. Das Ergebnis ist, daß mittlerweile an die Stelle des
heiligen Offiziums eine jüdische Inquisition getreten zu sein scheint, die den
Antisemitismus auch in den christlichen Gesellschaften Europas untersucht und
quantifiziert, ein ständiges Antisemitismustribunal, vor das weltweit jeder
jederzeit zitiert werden kann.
F: Wie die Araber, so stehen auch die
Europäer im Verdacht eines historisch eingeborenen Antisemitismus ihrer
Kultur?
Romano: Denken Sie nur etwa an die Bücher Daniel Goldhagens,
"Hitlers willige Vollstrecker" und "Die katholische Kirche und der Holocaust".
Das eine unterstellt den Deutschen, das andere der katholischen Kirche genau
das. Was dabei jedoch völlig außer acht gelassen wird, ist zum Beispiel daß sich
die christliche Wahrnehmung der Juden je nach den geschichtlichen Umständen
gewandelt hat und daß das Judentum im Laufe der Zeit verschiedene Konnotationen
erhielt. Daher kann man unmöglich von einem immergleichen christlichen
Vorurteil sprechen. Es gibt kein ungeschichtlicheres Argument, als Christentum
und Judentum wie zwei unwandelbare Größen aufzufassen und den Judenhaß als ein
Krebsgeschwür der Christenheit zu betrachten, das immer weiter wächst, bis es
als letzte Metastase die Gaskammer hervorbringt. Bedeutend ist übrigens auch der
Umstand, daß wir inzwischen in einer Epoche der Globalisierung leben. Das
bedeutet nämlich, daß der Holocaust-Kult die Möglichkeit hat, zur globalen Größe
zu werden.
F: Diese Dominanz trägt allerdings nach Ihrer Ansicht die
Gegenthese schon in sich: Statt Antisemitismus vorzubeugen, so warnen Sie,
befördere der Holocaust-Kult diesen.
Romano: Es gibt oft den Augenblick
in der Geschichte, da ein Vorteil, der bis zum äußersten ausgenutzt wurde, in
sein Gegenteil umschlägt. Konkret gibt es dafür mehrere Gründe, zum Beispiel,
weil die Überhöhung des Holocausts zu einer Relativierung anderer Tragödien
führt. Denn natürlich fühlen sich deren Opfer, etwa die deutschen Vertriebenen,
an den Rand gedrängt. Oder denken Sie an die psychologischen Auswirkungen der
Entschädigungsschlachten, die manche Vertreter jüdischer Organisationen und ihre
Anwälte führen. Sicher, einige Banken und Versicherungen haben sich alles andere
als fair gegenüber den Überlebenden des Massenmordes verhalten und richtig ist
auch, daß in das Wachstum mancher Firmen auch die Leistungen etwa von
NS-Zwangsarbeitern eingeflossen sind. Aber das ist über sechzig Jahre her und
die wirtschaftliche Entwicklung dieser Firmen ist mittlerweile durch alle
möglichen Phasen gegangen. Tatsächlich werden die Entschädigungen heute von
Leuten bezahlt, die keinerlei Verantwortung für das haben, was damals geschehen
ist: Was haben die Aktionäre von heute, mit den Firmeninhabern von damals noch
zu tun?
F: In gewisser Weise, so Ihr Einwand, fallen sie einer Art von
"Rassismus" zum Opfer.
Romano: Ja, denn offenbar wird ihnen so etwas wie
eine "Blutlinie" unterstellt. Denn ohne diese unterschwellige Vorstellung wäre
es nicht einleuchtend, daß sie für etwas Sühne leisten sollen, mit dem sie
persönlich nichts zu tun haben. Und dieser Rassismus findet auch in größerem
Maßstab statt, nämlich da wo der Holocaust als gemeinsame Schuld ganzer Nationen
und Religionen verstanden, wo diese Schuld kollektiv auf die Schultern eines
ganzen Volkes geladen wird. Früher oder später aber ruft jede Verallgemeinerung
eine nicht minder radikale und ausschließende Gegenreaktion hervor.
F:
"Folgt auf zwanghaftes Erinnern einmal ein radikales Vergessen?" Dem inzwischen
umgekommenen FDP-Politiker Jürgen Möllemann wurde genau das als Ausweis seines
Antisemitismus attestiert: Seine Kritik, die Politik jüdischer Institutionen
leiste der Judenfeindlichkeit Vorschub, sei nichts weiter als ein Klischee aus
dem Repertoire des klassischen Antisemitismus.
Romano: Natürlich gibt es
echte Antisemiten, die dieses Muster benutzen, um ihren Antisemitismus
auszudrücken. Das heißt jedoch nicht, daß dieser Zusammenhang eine reine
Erfindung ist. Wenn Antisemiten diese Argumentation mißbrauchen ist das
schändlich, macht aber den Sachzusammenhang nicht automatisch unwahr.
F: Der deutsch-jüdische Publizist
Micha Brumlik sieht Sie bereits "im Fahrwasser eines Revisionismus im Geiste Ernst Noltes".
Romano: Ich lasse mich von solchen Worten nicht einschüchtern.
"Revisionismus" ist für mich nicht per se eine schlechte Sache.
F: Ihr
Buch erschien in Italien bereits 1997. Zehn Jahre wagte kein deutscher Verlag,
es zu übersetzen.
Romano:
Mein Buch löste damals eine sehr kontroverse Debatte aus, nicht nur in Italien,
sondern auch in Israel. Daraufhin entschied ich mich, auf etwas zu verzichten,
worauf sonst kein Autor verzichtet, nämlich mein Buch in der Welt bekannt zu
machen und mich um Übersetzungen zu bemühen. Ich wollte nicht von mir aus
Franzosen, Engländer oder Deutsche mit meinen Thesen behelligen. Ich wollte
warten, ob und bis in diesen Ländern von sich aus ein Interesse an meinem Buch
zum Ausdruck käme. Nach fast zehn Jahren trat schließlich aus Deutschland der Berliner Verleger Andreas Krause Landt an
mich heran.
F: In Deutschland verkommen solche Debatten sofort zu
publizistischen Guerillakriegen. War die Diskussion in Italien dagegen
konstruktiv?
Romano: Bei solchen Themen muß man die Politik draußen
halten, sonst sind sie sofort ruiniert. Das ist in Deutschland offenbar noch
nicht so einfach. Doch auch unsere Debatte trug zeitweilig Züge eines kleinen
"Historikerstreits".
F: Trotz des Erscheinens Ihres Buches auf deutsch
hat sich hierzulande bislang keine Debatte entsponnen. Allerdings scheint dies
kein Zeichen von Entspanntheit zu sein, denn es gibt, außer in der "FAZ", auch
keine Rezensionen. Es mutet eher an wie ein Totschweigen.
Romano: Das mag
sein, ich kann das nicht beurteilen. Diese Frage müßte ich eher Ihnen stellen.
Wie ich aber von Herrn Krause Landt höre, wird das Buch verkauft. Es findet also
sein Publikum.
F: Welche Folgen der Holocaust-Religion sehen Sie für die
Zukunft Deutschlands?
Romano:
Blickt man zurück, so besticht, von welcher Professionalität anfangs die
diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel waren: ganz
matter of fact, ohne Schüchternheit auf deutscher und ohne Aggressivität auf
israelischer Seite. Heute dagegen sind die Beziehungen hochgradig
emotionalisiert. Die deutschen Politiker widmen sich zwar mit großer
Ernsthaftigkeit dem Holocaustgedenken, sind aber gleichzeitig davon überwältigt.
Ich bin besorgt über die psychologischen Folgen für Menschen, die gezwungen
sind, zu häufig um Vergebung zu bitten. Die Frage ist, ob nicht irgendwann, nach
einem Jahrhundert des zwanghaften Erinnerns, das Pendel in die Gegenrichtung
ausschlägt und ein Jahrhundert des radikalen Vergessens folgen
könnte.